Nach innen lauschen

Was ich gelernt habe, dadurch dass ich lange in mich hinein höre:

Es ist fast immer derselbe Ablauf. Ich sitze bei einer Meditation, liege in Savasana oder in einer besonders tiefen langen Yin Pose und beginne etwas in mir wahrzunehmen, das anders ist als sonst oder als die Empfindungen in meinem restlichen Körper.

Es wäre kinderleicht, dieses zarte, schemenhafte feine Gefühl beiseite zu schieben und meine Aufmerksamkeit auf irgendetwas anderes, weniger Befremdliches zu lenken. Zumal mich meine Erfahrungen der letzten Jahre gelehrt haben, dass sich da meist etwas Ungutes oder gar Beängstigendes den Weg an die Oberfläche bahnen will. (Podcastfolge zum Thema)
Doch mit der Zeit habe ich gelernt, mir zu vertrauen.

Sit with it

Ich bleibe also mit meiner vollen Aufmerksamkeit bei dem Gefühl und warte, wie es sich entwickelt und allmählich klarer und eindeutiger wird.

So war es auch heute Morgen. Ich bemerkte ein dumpfes, sehr subtiles anderes Gefühl in meinem oberen Bauch, in etwa in der Magengegend. Tränen traten mir in die Augen. Doch ich spürte, dass dies keine reine Traurigkeit war. Davon hatte ich in letzter Zeit viel losgelassen. Ich nahm daher einen kleinen Unterschied wahr.
Ich spürte weiter und intensiver in dieses Gefühl hinein [das ist es, was Yogalehrer immer meinen mit „lean into it“ oder die Buddhisten mit „sit with it“], um erkennen zu können, was das genau ist, was ich da fühle. Dableiben und mit allen Sinnen hinhören.

Und plötzlich konnte ich ganz klar ein Gefühl der Wehmut in mir feststellen, Wehmut, die sich überall in mir ausgebreitet hat. Diese bittere Süße…
Ich habe zugelassen, dass dieses Gefühl vollkommen von mir Besitz ergreift und sich in jeder meiner Fasern ausbreitet. -Ein weiteres Wort kam mir in den Sinn: Melancholie.
Meine ganze Wahrnehmung bestand nur aus diesem einen Gefühl, ohne dass ich hätte sagen können, weshalb ich wehmütig war oder was diese Wehmut verursacht haben könnte. Sie war einfach nur da, ganz nah, dicht, klar und umfassend.

Die physische Ebene

In solchen Momenten, wenn ich keinen besonderen Anlass ausmachen kann, woher das Gefühl kommt, das ich fühle, spüre ich als nächstes ganz tief in meinen Körper hinein und prüfe, was sich auf physischer Ebene gerade tut. Ich spüre meine Muskeln, Sehnen, Gelenke, Verspannungen, Muskelkater, meine Haltung und all diese Dinge.

Und da ist mir aufgefallen, dass meine linke Hüfte etwas lockerer war; sie war etwas weiter geöffnet als bisher. Ich saß anders. Es war ein bisschen mehr Raum und Weite da, wo bisher immer alles recht eng, steif und holzig war.

Es war also Wehmut, die sich die ganze Zeit in meiner Hüfte eingenistet hatte. Bittersüße Wehmut, die ich irgendwann einmal verdrängt hatte, und die ich in Form einer Spannung und Steifigkeit in mein Gewebe eingelagert hatte.

Wehmut als Pforte zu unserer Menschlichkeit

Bittersüße Wehmut ist ein schönes Gefühl. So ein Gefühl, das man am letzten Tag eines wunderschönen Urlaubs hat, weil er so schnell vorbeiging. Oder bei einem Film, wenn zwei, die sich tief und ehrlich lieben, aus irgendwelchen Gründen nicht kriegen können oder dürfen.
Ein Gefühl also, das einen sehr zart und mitfühlend werden lassen kann.
Ein Gefühl, das es in jedem Fall verdient hat, ausgelebt zu werden und sich in ihm einweichen zu lassen. Ein Gefühl, das einen mit der eigenen Verletzlichkeit und Zartheit in Verbindung bringen kann. Mit dem Bedürfnis nach Verbundenheit und Liebe. Mit unserer Menschlichkeit.

Auf jeden Fall kein Gefühl, das ich aus welchem Grund auch immer hätte unterdrücken und zu einem Problem in meiner Hüfte hätte werden lassen müssen.

Der Gegenspieler

Um ein Gefühl wirklich zu verstehen, frage ich mich manchmal, was wohl das Gegenteil davon ist. Und in meiner „Ordnung“ ist Tapferkeit ein Gegenspieler zu Wehmut. Tapferkeit, die genau diese Zartheit verdrängt und stattdessen gefasst, rational und [scheinbar] unbeeindruckt weitermacht…
Ich war – weiß Gott – oft genug tapfer in meinem Leben, viel zu oft. Und seit langem habe ich bemerkt, wie sehr mich die Notwendigkeit belastete, tapfer sein zu müssen, ja, innerlich abtötete, weil ich mir nicht erlauben konnte, meinen wahren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Mit der Erfahrung dieser bittersüßen Wehmut in mir, die sich trotz des bitteren Anteils so schön angefühlt hat, habe ich daher zugleich beschlossen, ihr in Zukunft mehr Raum zu geben und sie nicht mehr zu unterdrücken. Denn ich spüre sehr deutlich, dass sie mich zu einem sanfteren und gütigeren Menschen machen kann.

Und das ist wundervoll!

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